Und plötzlich kam die Gänsehaut: Konzert von North Alone im Ramones Museum Berlin

Montag, Mai 21, 2018 0 11

Auf meinem Blog war es die letzten Monate still. Jeder, der Vollzeit arbeitet und einen Blog hat, kennt das: Oft fehlen einem einfach die Zeit und die Muse, sich in seiner Freizeit nochmal für einen Blogbeitrag aufzuraffen. Ich habe vor ein paar Monaten auch noch einen neuen Job angefangen und da hat man dann sowieso erstmal andere Prioritäten. Außerdem schreibe ich nicht nur in meinem Hautjob viel, sondern ich bin auch noch nebenberuflich selbstständig als Texterin und Journalistin mit Rocking Letters. Ich liebe meine Jobs und das Schreiben und dennoch gibt es eben diese Kehrseite: Das Schreiben und die Zeit, die man dafür aufwendet, wird eben zuerst dem Lebensunterhalt gewidmet. Texte, die ich nur aus Spaß in meiner Freizeit schreibe, sind so etwas wie ein „geistiger Luxus“, den ich mir aus meiner oft vollgestopften Agenda manchmal mühsam herausschneiden muss.

Daher habe ich Rebel meets Diva eben immer auch nur aus Spaß betrieben ohne jegliche Ambitionen, Erwartungen und Druck. Ich schreibe also wenn es die Zeit zulässt und wenn es einen Anlass gibt. Einen, der so wichtig oder unterhaltsam ist, dass er es einfach erfordert darüber zu schreiben. Und das sind eben neben den neusten modischen Errungenschaften und Reisen dann oft die kleinen Dinge und Erlebnisse, die für mich das Leben ausmachen. Eines davon war das Konzert der Band North Alone im Ramones Museum Berlin am vergangenen Samstag.

Das Ramones Museum ist eine Mischung aus gemütlichem Wohnzimmer und kultigem Punk-Sammelsurium. Neben süffigen Getränken gibt es hier übrigens auch leckeren Kuchen, die einen aus der Vitrine anlocken. „Hier gibt es Bier, Punk und Kuchen“ verrät schließlich auch ein Schild vor der kultigen Location. An diesem lauen Mai-Abend hatten wir bereits Bier und Cider im Freien genossen, bevor die ersten Klänge von North Alone uns und die ca. 20-30 anderen Gäste ins Innere lockten, wo später auch noch Singer-Songerwiter Joe McMahon auftrat. Gespielt wurde in der abgespeckten Konstellation als Duo mit Sänger und Geigenspieler.

Doch wer denkt, dass die reduzierte Besetzung ein Indiz für mangelnde musikalische Wucht war, der irrt gewaltig! Vom ersten Song an begeisterte Sänger Manuel Sieg mit seiner rauen und kräftigen Stimme und ehe ich mich versah, passierte es: Dieses emotionale Kribbeln, wenn man plötzlich von der Gänsehaut überrascht wird, weil man so völlig unverbereitet von der Emotion ergriffen wird. Ich muss mich hier zweier Begriffe bedienen, die ich eigentlich immer als Plattitüden ansehe, aber die es doch irgendwie treffen: Ich wurde einfach „abgeholt“. Im Falle von North Alone lag das zum Einen an der sensationellen Stimme und der Instrumentalisierung mit Akkustikgitarre und Geige. Der Unplugged-Charakter präsentiert im punkig-urigen Wohnzimmer hat seine Wirkung nicht verfehlt. Zum Anderen waren da auch noch die sehr emotional aufgeladenen Texte wie in „Romantic Sense of Rock’n’Roll„. Alleine bei der Ansage des Titels war schon wieder Gänsehaut angesagt. Nicht zu vergessen der Song „Extra Large„, der von alternden Männern berichtet, die eine Liebe für Bandshirts haben.

And if this shirt does not fit I don’t care I needed it ‚cause it reminds me of the days when I was young. It helps me not to forget I’ve got nothing to regret. No matter how old I’ll become I’ll be a punk!

heißt es im Refrain und wenn man sich dann umschaut und genau so ein älterer, bärtiger Musikliebhaber voller Inbrunst im Publikum mitsingt, sind alle emotionalen Dämme offen.

Und dann war da auch noch der Song für den ungeborenen Sohn, der vom Leben, Lernen und Lieben berichtet. Man stelle sich mal vor wie der Spößling irgendwann der Musik seines verstorbenens Vaters lauscht und die Zeile hört „If you miss me when I’m gone you can put this record on„. Puh, mehr Emotion geht nicht!

Zu guter Letzt dann noch das: Der Sänger trat weg von seinem Mikro mittenrein ins Punk-Wohnzimmer, um die letzten Zeilen lautstark und unmittelbar ohne technische Verstärkung zu singen. Und mir wurde klar, dass es genau das ist, was diese intimen Konzerte ausmacht. All die Technik, Verstärker, Lichtshow etc. ist toll und beschert mir ebenso unvergessliche Momente (wie zum Beispiel unvergessen bei Green Day in Lucca, Italien). Doch sie stellt eben auch eine Distanz zwischen Publikum und Musiker her. Und wenn diese wegfällt, zeigt sich der Sänger noch ehrlicher und verletzlicher als ohnehin schon. Und so blieb ich an diesem Abend sehr glücklich zurück und ich musste wieder voller Dankbarkeit und Demut an all die leidenschaftlichen Musiker denken, die teilweise stundenlang zu einem Gig fahren, um dann oft auch mal ohne Bezahlung vor ein paar Leuten zu spielen. Danke für diese einzigartigen Momente!

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