Steampunk-Oper „Klein Zaches, genannt Zinnober“

Sonntag, November 22, 2015 0 5

Klein Zaches, genannt Zinnober“ heißt ein Kunstmärchen von E.T.A. Hoffmann, der für seine ausgeprägte Liebe zum Skurrilen, Absonderlichen und Unheimlichen bekannt ist. Seine Erzählung vom augenstehlenden Sandmann ist so schaurig wie genial und gleichzeitig so etwas wie die narrative Basis und gelebtes Konzept der Berliner Band Coppelius. Das Berliner Sextett hat mit „Klein Zaches, genannt Zinnober“ nun die erste „Steampunk-Oper“ kreiert.

Wer Coppelius kennt, der konnte bereits im Vorfeld Großes erwarten. Bei ihren Konzerten präsentieren sie mit viel Liebe zum Detail und schauspielerischem Talent ihre eigene Musikrichtung: Kammercore. Entsprechend dem literarischen Vorbild in Gehrock und Zylinder gekleidet werden mit Cello, Kontrabass, Klarinette und Schlagzeug alias „Schlagwerk“ die eigenen Lieder präsentiert. Diese bewegen sich zwischen fein durchdachter Poesie, schwarzer Romantik und energiegeladenen Metal-Einflüssen inklusive Oden an Iron Maiden!

Mit ihrer eigenen Steampunk-Oper haben sich die Musiker nun also erneut weiterentwickelt und ich muss es an dieser Stelle vorwegnehmen: Sie haben sich in ihrem kreativen Genie selbst übertroffen. Klein Zaches, genannt Zinnober trägt unverkennbar die Handschrift von Coppelius, die sich selbst damit erneut ein eigenes Genre erschaffen haben, das Thalia wohl herzlich willkommen heißen würde. Gleichzeitig handelt es sich um eine völlig eigenständige Produktion, die durch die berauschende musikalische Begleitung der Neuen Philharmonie Westfalen, die Sopranistin Ulrike Schwab und den Sänger Rüdiger Frank vollkommen wird.

Aufgeführt wird die Produktion im imposanten Musiktheater im Revier Gelsenkirchen und bereits daran erkennt man, dass die Band für dieses Projekt keine Kosten und Mühen gescheut hat. Coppelius hätten es sich auch einfach machen können: Ein paar eigene Songs nehmen, durch ein paar neue ergänzen und eine Geschichte darum spinnen. Stattdessen haben sie bewusst eben keine simple Erweiterung ihrer Bühnenshow produziert, kein Coppelianisches Musical, das eben hauptsächlich für Fans der Band gemacht ist, sondern eine Produktion, die völlig individuell auch andere Musikfans überzeugt.

So kam es dann auch, dass sich bei der Vorstellung am 21.11.2015 unter den sicherlich überwiegenden Teil an jungen Fans eben auch Besucher mittleren und höheren Alters gemischt haben. Während die einen hauptsächlich Bezug zum Steampunk-Element haben, haben die anderen eventuell schon Kontakt zur klassischen Oper gehabt. Ein Treffen verschiedener Welten also nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Auditorium.

Spätestens beim Anblick des beeindruckenden Orchesters der Neuen Philharmonie Westfalen wurde klar: Das wird etwas ganz Besonderes! Das gesamte Ensemble überzeugte mit schauspielerischer und gesanglicher Qualität, die die Aufführung zu einem Genuss machte. Beeindruckend war vor allem die Leistung des 1,34 m großen Hauptdarstellers, der seine scheinbare körperliche Zerbrechlichkeit einfach wegspielt und mit Stärke, einer tollen Gesangsstimme und perfektem, humoristischem Timing in jeder Szene überzeugt.

Klein Zaches, genannt Zinnober // Fotos: Pedro Malinowski

Die bewegbare Bühne mit verschiedenen Ebenen wurde ideal genutzt, Bühnenbild und Kostüm überzeugten mit Liebe zum Detail. Dabei wird in „Klein Zaches, genannt Zinnober“ alles genutzt, was bei Live-Aufführungen eine Herausforderung darstellt: Live-Musik, Special Effects, Feuer und fliegende Darsteller, alles aber so sinnvoll in die Handlung integriert, dass es nie anbiedernd oder nach Effekthascherei aussieht – selbst dann nicht, wenn zwei Fahrräder aus dem 19. Jahrhundert Teil einer Verfolgungsjagd auf der Bühne sind. Immer wieder finden sich in der Inszenierung auch komische Momente, zeitgenössische Bezüge und ein künstlerisches Augenzwinkern, wie man es von der Band kennt.

Coppelius ist es mit „Klein Zaches, genannt Zinnober“ gelungen, eine außergewöhnliche, kreative Produktion auf die Beine zu stellen, die historischen und modernen Zeitgeist atmet und den Zuschauer auf jede erdenkliche Art unterhält. Mit Kartenpreisen zwischen rund 12 und 50 € ist es das Spektakel für nahezu jedes Budget erschwinglich und für mich gefühlt das Doppelte wert!

Zusammen mit dem organisatorischen, finanziellen und persönlichen Aufwand fallen mir abschließend nur zwei Worte zu „Klein Zaches, genannt Zinnober“ ein: Respekt und Danke!

Hier gibt es einen der sehr unterhaltsamen Video-Teaser, weitere auf Youtube

Alle Infos, Karten und Termine gibt es beim Musiktheater im Revier, Infos zu Coppelius gibt es auf der Website und auf Facebook

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