Cannstatter Wasen: Der Wahnsinn trägt Dirndl – und ich jetzt auch

Donnerstag, Oktober 15, 2015 0 5

Vor Kurzem war ich zum ersten Mal auf dem Cannstatter Wasen oder Volksfest. Für die, die es nicht kennen: Was in München das Oktoberfest ist bei uns in Stuttgart der Wasen. Ähnlich voll, ähnlich teuer und für mich bisher auch immer ähnlich abstoßend.

Schwaben oder Zugezogene, die sich in Dirndl und Lederhosen zwängen, am Hauptbahnhof mit Prosecco und Bier aus der Dose anstoßen und eigentlich in meiner Wahrnehmung immer besoffen waren.

Wasen-Besucher waren für mich die gleiche Kategorie wie Faschings-Fans: Leute, die sich verkleiden, in der Gruppe besaufen und nicht bemerken, wie peinlich sie sind.

Vier Jahre wohne ich jetzt also in Stuttgart, zwei davon sogar in Bad Cannstatt, also in unmittelbarer Nähe des Cannstatter Wasens. Wahrscheinlich war das auch ein Grund für meine leidenschaftlich entwickelte Aversion. Als wäre der Heimweg in der Bahn nach einem Arbeitstag nicht schon schlimm genug, wurde dieser mir auch noch regelmäßig durch die Dirndl-Schwärme inklusive süßem „Nuttendiesel“ und den Lederhosen-Gangs erschwert. Mein Hass auf den Cannstatter Wasen konnte eigentlich nur durch den auf die deutsche Bahn getoppt werden – hier kamen also beide Übel zusammen.

Wasen 2

Urige Stimmung im Festzelt mit Live-Band

Nun bin ich ja aber von Natur aus ein neugieriger Mensch und ein Dirndl ist für die weibliche Figur wahrscheinlich das Beste, was es meiner Meinung nach neben Corsagen gibt. Als sich also die Gelegenheit ergab, mit ein paar Kolleginnen aus dem Breuninger Texterbüro den Cannstatter Wasen zu besuchen, dachte ich mir: „Was soll’s, man kann erst urteilen, wenn man etwas selbst erlebt hat“. Also rein in das geliehene Dirndl (Danke an meine Freundin Sarah) und los ging es.

Was die Atmosphäre, das Essen und das Publikum angeht, wurden meine Vorstellungen voll erfüllt: Urig, deftig und eben meistens junge Leute in Gruppen – 80% davon in Tracht. Nun zu den Geheimnissen, warum meiner Meinung nach der Besuch auf dem Cannstatter Wasen doch überraschend besser war als erwartet:

  1. Wir hatten einen reservierten Tisch, also kein Gedrängel, keine Warterei etc. (Ich hasse Menschenmassen)
  2. Wir waren eine lustige Gruppe, die zwar trinkt, sich aber nicht abschießt. (Es war ein Donnerstagabend und wir sind berufstätig)
  3. Wichtigster Punkt für mich als Konzertgänger: Es gab Live-Musik und die war um Längen besser als erwartet

Gerade zum letzten Punkt: Klar, es kam auch das obligatorische „Atemlos“, aber eben auch AC/DC, die Totenhosen und locker flockiger Pop zum Mitgrölen. Dabei hab ich dann auch endlich das erkannt, was den Cannstatter Wasen oder Volksfeste allgemein wahrscheinlich so beliebt macht: Es ist einfach ein spaßiges Beisammensein und wenn tausende Menschen zusammen wie aus einer Kehle singen, funktioniert das stimmungstechnisch eben auch im Zelt und nicht nur in der Konzertarena.

Wasen 3

Die Wasen-Meute im „Göckelesmaier“

Abschließend kann ich sagen, dass ich positiv überrascht wurde, sich aber mit voranrückender Stunde auch die nervige Seite des Wasens gezeigt hat (die, die ich früher immer als einzigen Ausschnitt gesehen habe). Alle werden betrunkener, die Männer zudringlicher, der Humor sinkt unter die Gürtellinie.

Das Ironische ist, dass der Wasen für mich eigentlich eine richtig gute Party sein könnte, wenn alle ihren Alkoholpegel im Griff hätten, aber was man da abends in der Bahn so sieht, gleicht einem urbanen Exorzismus.

So kann ich sagen, es macht doch Spaß, immer offen zu bleiben und manchen Dingen (mit den richtigen Begleitumständen) eine Chance zu geben. Die Schnapsleichen in der Bahn werden mich weiterhin nerven. Vielleicht hilft ja zukünftig der Gedanke zu wissen, dass sie davor eine schöne Zeit hatten – wahrscheinlich werde ich mir aber immer noch im Stillen denken „Der Wahnsinn trägt Dirndl!“…

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