Dior SAUVAGE: Johnny Depps Roadtrip durch die Werbe-Wildnis

Donnerstag, September 3, 2015 0 5

Die dunkle Großstadt Los Angeles, Stadt der Eitelkeiten, nur erleuchtet von Hochhäusern: Ein Mann, eine Mischung aus urbanem Dandy und Cowboy, spielt auf seiner Gitarre. Die metallischen Riffs erfüllen die Dunkelheit der Nacht, bis er das bedrückende Gefühl der Großstadt nicht mehr erträgt. Als hätten die rockigen Klänge einen Weckruf der Rebellion ausgesendet, ist der Aufbruch mehr als ein impulsiver Entschluss – es ist der Ruf der Natur, dem er folgen muss.

 

Mit einem entschlossenen „Ich muss hier weg!“ wird die Klampfe gegen ein nicht minder symbolträchtiges, maskulines Auto getauscht. Zuerst noch unsicher, wohin die Reise eigentlich gehen soll, führt den bärtigen Mann sein Selbstfindungs-Roadtrip durch die Wüste, immer noch umgeben von den letzten Zeichen der Zivilisation.

Ein recht deplatziert wirkendes, einsames Bison schleicht in Slow-Motion die Straße entlang – der Mann folgt dem Tier mit seinem Blick und scheint plötzlich genau zu wissen, wohin es gehen soll. Mit einem tarantino-esken Manöver, bei dem des Effektes wegen ordentlich Wüstensand aufgewirbelt wird, biegt er in die Wildnis ab.

Ein Raubvogel fliegt und kreischt durchs Bild. Der Mann holt eine Schaufel aus dem Kofferraum, wieso auch nicht? „Wonach suche ich?“, fragt er sich – genau wie der Zuschauer. Vielleicht nach dem Wolf, der plötzlich auf dem Autodach steht und sich wie eine nicht ganz so subtile Metapher für Einsamkeit suchend umblickt? Egal, der Mann fängt an, ein Loch zu graben. Darin wird seine Halskette beerdigt (eine symbolische Entledigung der materiellen Besitztümer?)

Quelle: www.dior.com

Quelle: www.dior.com

„Nach etwas, was ich nicht sehen kann“ ist schließlich seine Antwort auf die zuvor gestellte Frage. Da geht es ihm ja wie uns. Doch dann – Der Pathos entfaltet seine dramatischen Schwingen; mittels eines entschlossenes Flüstern teilt der Mann seine Erleuchtung mit uns, während er sich aus einer Staubwolke erhebt: „Ich spüre es nur – es ist magisch“. Ob seine Augen von dieser tiefschürfenden Erkenntnis, dem Wüstenstaub oder dem Eyeliner leicht wässrig werden, wissen wir nicht. Das müssen wir auch gar nicht, denn schon erscheint in großen Lettern das Wort SAUVAGE vor dem Horizont, danach der Flakon und der wie ein Mantra geflüsterte Markenname: Dior! Die folgende Hashtag-Einblendung zerstört die zuvor kreierte Atmosphäre der Wildnis dann wieder, aber der Social Media Manager hat sich durchgesetzt.

Fakt ist, die Kampagne für Dior Sauvage trieft nur so vor Klischees. Alleine ein Männerduft mit dem Namen „Wild“, der in einen geradlinigen Flakon gepackt wurde. Oder in Diors Worten in „ein Luxusobjekt mit sinnlichen Linien, das mit dem männlichen Namen kontrastiert“. So zu lesen auf der übrigens sehr aufwändig gemachten Micro-Site zum Duft. Dort gibt es auch weitere, sehr ausufernde Beschreibungen für Duft, Flakon und Kampagne. Diese schießen in Sachen Metaphern-Dichte und Pathos oft über das Ziel hinaus, aber das ist man ja schon gewohnt. Ich schwanke beim Lesen immer zwischen Begeisterung und Belustigung.

Die Bilder, die im Video und der Kampagne allgemein geliefert werden, sind wie eine Ansammlung an klassischen Metaphern für den wilden, ursprünglichen Mann. All das könnte mit jedem anderen Kampagnengesicht ins Lächerliche verfallen. Aber Johnny Depp, die coole Sau, liefert mal wieder.

Weil dieser Mann selbst Musiker ist, weil er eine echte, „rebellische“ Vergangenheit hat und weil er eben nicht nur französisch spricht, sondern auch in Frankreich lebt, passt er zu diesem Duft und der Marke wie die Faust aufs Auge. Der Schauspieler ist wirklich einer der Menschen, auf den das inflationär benutzte Adjektiv „authentisch“ passt. Neben all dem Werbezirkus soll aber noch gesagt sein, dass der Duft wirklich toll ist. Frisch und männlich, nicht zu kräftig. Eine Basisnote aus Ambrox, eine Herznote aus Bergamotte und eine Kopfnote aus Sechuan-Pfeffer machen Dior Sauvage zu einem zeitlosen Eau de Toilette, das sowohl am Tag als auch am Abend funktioniert. Auch ohne coole Karre und Rockstar-Attitüde kann man(n) sich so einen Hauch Coolness á la Johnny Depp aufsprühen.

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